Luthers Norden

2017 jährt sich zum 500. Male die Veröffentlichung der Thesen Martin Luthers gegen den Ablasshandel, der Beginn der Reformation. Auch wenn Luther selbst nie im Norden weilte, entwickelten seine Ideen dort eine besondere Dynamik. Fast alle Gebiete im Norden und rings um die Ostsee schlossen sich der Reformation an. Damit entstand das größte lutherisch geschlossene Gebiet Europas. Bis heute prägt das Luthertum die Identität der Menschen im Norden Deutschlands, in Skandinavien und im Baltikum, auch wenn das Vielen nicht mehr im Bewusstsein ist.

Die mit Unterstützung der Nordkirche von zwei Landesmuseen konzipierte Ausstellung zeigt die Wege, Personen und entscheidenden Stationen der Ausbreitung und Festigung des neuen Glaubens im Norden: in Dänemark, Schleswig-Holstein, Mecklenburg und Pommern. Sie verdeutlicht die einschneidenden politischen, kulturellen und sozialen Änderungen, die dies mit sich brachte -nicht nur für die Kirchen der Länder.

Herausragende Exponate aus beiden Museen und bedeutende Leihgaben großer Museen in Europa lassen das Weltereignis Reformation lebendig werden -und geben Ausblicke bis in unsere Zeit.

Eine Vielfalt moderner Medien wie Animationen, Hörstationen und Medientische machen die Ausstellung zu einem Erlebnis.

Ausstellungsort Greifswald

 
14. Mai bis 03. September 2017 

Im Mittelalter ein Ort des Gebetes, später Lehranstalt, widmet sich das heutige Pommersche Landesmuseum der wechselvollen pommerschen Geschichte, Kultur und Kunst.

In den Jahren 1998 bis 2005 erbaut, beherbergt das preisgekrönte Bauensemble heute Exponate der Erdgeschichte, der Ur-und Frühgeschichte sowie aus 14.000 Jahren Geschichte von den ersten Siedlern in Pommern, über die glanzvolle Epoche der Hanse, der schwedischen und preußischen Herrschaft bis hin zur Entstehung der Kaiserbäder. Die Gemäldegalerie des Landesmuseums präsentiert herausragende Werke der norddeutschen Romantiker Caspar David Friedrich und Philipp Otto Runge, ebenso von Max Liebermann, Vincent van Gogh, Emil Nolde und Max Pechstein.

Ausstellungsort Schleswig

 

09. Oktober 2017 bis 28. Januar 2018

Schloss Gottorf vereint unter seinem Dach zwei Landesmuseen. Ihre Sammlungen spiegeln 120.000 Jahre Landesgeschichte, von der Altsteinzeit bis zur Kunst der Gegenwart. Zu den bedeutenden Beständen des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte zählen die kirchliche Kunst des Mittelalters oder die Gemäldesammlung von der Renaissance über den Deutschen Expressionismus bis in die Gegenwart, darunter Werke von Lucas Cranach. Möbel und Kunsthandwerk von der Renaissance bis zum Jugendstil geben Einblicke in frühere Lebenswelten.

Gottorf war seit dem 13. Jahrhundert Sitz der Herzöge von Schleswig. 1503 wurde Christian 111. auf Schloss Gottorf geboren, der Herzog von Schleswig und König von Dänemark, der in diesen Ländern die Reformation einführte. Seit 1544 war Gottorf Sitz der Herzöge von Schleswig-Holstein-Gottorf, die es im 17. Jahrhundert zu einem Zentrum der europäischen Geisteswelt machten.

Die Reformation – eine Zäsur

Das vorreformatorische Europa ist von der Einheit des westlichen Christentums geprägt. Darin vermischen sich Kirche und Welt, Religion und Politik. Einerseits erreicht die Intensität der Frömmigkeit einen Höchststand. Dem stehen eine starke Verweltlichung, soziale Unruhen und Verfallserscheinungen in Kirche und Gesellschaft gegenüber. Das Leben wird von starken Jenseitserwartungen, in denen das Fegefeuer als reinigende Strafe eine zentrale Rolle spielt, begleitet. Die Angst der Menschen vor dem Fegefeuer führt zu einem weit verbreiteten Missbrauch: dem Ablasshandel. Das ist der Anstoß, der den Stein ins Rollen bringt. Martin Luther veröffentlicht am 31. Oktober 1517 in Wittenberg die berühmten 95 Thesen gegen den kirchlich legitimierten Ablasshandel.

Der Norden

Die Ausstellung blickt über die heutigen Grenzen hinaus: im Norden nach Dänemark, im Osten nach Polen. Der Ostseeraum steht parallel zu den Vorgängen in Wittenberg vor gewaltigen poli­tischen und sozialen Umbrüchen. Das Großreich der Kalmarer Union - Dänemark, Norwegen, Schweden - zerfällt, ein König wird abgesetzt, zwei neue Dynastien entstehen. Die Fürstentümer im Ostseeraum müssen sich positionieren. Außerdem bestimmen heftige Auseinandersetzungen zwischen den Hansestädten und den Fürsten um die Dominanz des Handels den Alltag. In vielen Städten kommt es zu Unruhen zwischen der Bürgerschaft und den Räten. In dieser aufgeheizten Stimmung treffen die ersten aus Wittenberg kommenden Reformatoren im Norden ein. Der bedeutendste ist Johannes Bugenhagen.

Stop Motion Film über Johannes Bugenhagen von Cindy Schmid

Macht oder Recht

Der Schutz vor Verfolgung, den Luther durch Kurfürst Friedrich den Weisen genoss, ermöglicht überhaupt erst den Durchbruch der Reformation. Auch die Fürsten des Nordens waren für die Reformation von entscheidender Bedeutung.

Im Ostseeraum gibt es ein dichtes Netzwerk von Fürsten, die Luther persönlich kennen bzw. einen umfangreichen Briefwechsel mit ihm führen. Aber nicht nur religiöse, sondern vor allem handfeste politische und ökonomische Motive stehen hinter der Einführung der evangelischen Konfession. Umfangreiche geistliche Ländereien wech­seln den Besitzer, große Mengen kirchlichen Silbers und Goldes wandern in die fürstlichen Schatzkammern und Münzstätten.

Auf der anderen Seite kämpfen die Hansestädte um Unabhängigkeit bzw. suchen ihre Machtpositionen gegenüber Fürsten und Klerus auszuweiten. Evangelische Parolen dienen der Legitimation, manchmal begleitet von Bilderstürmen. Noch vor den Fürsten sind es Städte wie Stralsund und Lübeck, die protestantische Kirchenordnungen einführen.

Gewinner und Verlierer

Mit der Reformation einher geht eine umfangreiche Entsakralisierung der Landschaft. Klöster, vorher kulturelle Kristallisationszentren, Kapellen und Wegkreuze verschwinden. Die Heiligenverehrung und das Pilgerwesen brechen zusammen, ein ganzer Wirtschaftszweig steht vor dem Ende. Die Bildung und Armenfürsorge muss durch die Landesherren bzw. Städte neu geregelt werden. Demgegenüber steht eine tiefgreifende Christianisierung des Alltags. Das führt zu einer strengen sozialen Disziplinierung des Individuums. Die Frage der „richtigen" Konfession kann über Tod und Leben, Besitz und Wohl­stand, entscheiden. An die Stelle der alten Heiligen treten „Neue Heilige" wie Luther und später besondere Monarchen wie Gustav II. Adolf.

Darstellungen biblischer Themen dringen in die Häuser und Stuben. Das evangelische Pfarrhaus wird zum Ideal einer christlichen Lebensführung - und zementiert die traditionelle Rolle der Frau als Hausfrau und Mutter. Außerhalb dieser Rolle gibt es nur Außenseiterinnen und Verfemte, was seinen schlimmsten Ausdruck in den Hexenverfolgungen in den vorwiegend protestantischen Gebieten findet

Schrift, Bild, Musik

In Folge einer technischen Errungenschaft, des Buch- und Bilddrucks, wird die Reformation zu einem medialen Ereignis. Zwischen 1520 und 1526 erscheinen ca. 11.000 Flugschriften in einer Gesamtauflage von geschätzten 11 Millionen Exemplaren.

Die Kombination von Wort und Bild erreicht und mobilisiert die Bevölkerung in einer Form, wie sie vorher nicht möglich war, ver­gleichbar mit der heutigen medialen Revolution. Das strahlt auch auf die Kunst aus: Lucas Cranach d. Ä. ein enger Freund Luthers, wird zum Erfinder neuer Bildthemen, die die Botschaft des Reformators veranschaulichen.

Dem Wort und Bild gleichwertig an die Seite gestellt wird die Musik. In Folge der Reformation entstehen neue musikalische Formen wie der Choral. Die Entwicklung von Oratorien und Kantaten wird gefördert. Die Reformation artikuliert sich in einem Dreiklang aus Schrift, Bild und Musik.

Und danach?

Spuren der Reformation

Die Ausstellung zeigt die vielfältigen Wirkungen der Reformation im Norden weit über das 16. Jahrhundert hinaus. Im Städtebau und in der Alltagskultur ebenso wie in der Hochkultur - überall lassen sich bis heute Spuren der Reformation finden. Anhand bedeutender Beispiele werden die Impulse der Reformation auf die Bildende Kunst gezeigt: in Werken von Caspar David Friedrich, Christian Rohlfs oder Ernst Barlach.

In einer weitgehend säkularisierten Welt gilt es das Erbe der Reformation im Norden zu entdecken - nicht nur versteckt im „Bischof“ oder dem beliebten „Pharisäer“.

 

 

 
Croy trifft Cranach

Ein Höhepunkt der Ausstellung ist der einzigartige, 4x7 Meter große Croy-Teppich von 1554 im Pommerschen Landesmuseum. Er ist nationales Kulturgut und ein eindrucksvolles Zeugnis der Landes-, Kultur- und Reformationsgeschichte Pommerns und Sachsens. Aus Sachsen brachte die Gottorfer Herzogin Maria Elisabeth eine bedeutende Sammlung von Cranach-Gemälden mit. Auf Schloss Gottorf befindet sich heute eine der bedeutendsten Cranach-Sammlungen im Norden.

 

Weitere Objekte (Auswahl):
  • Originale Drucke Martin Luthers und Johannes Bugenhagens
  • Albrecht Dürer, „Die kleine Passion“
  • Kelch aus dem Zisterzienserinnenkloster Krummin auf Usedom
  • Kelch aus dem Adeligen Kloster Preetz
  • „Lutherbecher“ von Nikolaus Leiß, Augsburg
  • Möbel und Alltagsgegenstände mit biblischen Szenen
  • Quentin Massys, Maria an der Fensterbank und Jan von Scorel, Maria mit dem Kind
  • Caspar David Friedrich, Ruine Eldena im Riesengebirge
  • Philipp Otto Runge „Petrus auf dem Meer“

Unser Publikum

 

Die Ausstellung richtet sich an ein breites Publikum – an Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Familien und Gruppen. Dem entspricht die Fülle unserer Vermittlungsformen. In der Ausstellung begleiten verschiedene moderne Medien die originalen Exponate: Filme und Animationen, ein Medientisch, Hör- und Studierstationen. Hier kann aktiv Hand angelegt und in unterschiedlichen Formen praktisch gearbeitet und experimentiert werden. Darüber hinaus können verschiedene Programme für Gruppen jeden Alters gebucht werden.

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